Hier quakt der grüne Frosch
October 20th, 2010Mirko Kovats’ Industriekonzern A-Tec muss also Insolvenz anmelden. Das müsste nicht sein. Nein, es könnte statt dessen auch das Burgenland pleite sein, wie etwa, sagen wir mal einfach so, Kärnten. Die Geschichte dahinter ist ein Musterbeispiel dafür, wie Politik leider oft funktioniert…
Im Herbst 2005 waren im Burgenland Landtagswahlen, ein paar Monate vorher flog der sogenannte zweite Bank Burgenland-Skandal auf: Die Landesbank hatte hochspekulative Zinsgeschäfte abgeschlossen, sich damit übernommen und, no na net, auf das falsche Pferd gesetzt. Die Verluste drohten nicht nur die Bank zu versenken, sondern gleich das ganze Bundesland. Klar, dass die SPÖ die Bank unbedingt vor den Wahlen privatisieren wollte.
Ich war damals seit ein paar Monaten Pressesprecher der burgenländischen Grünen und noch halbwegs aktives Mitglied von ATTAC. Klar wurde ich bei dem Thema hellhörig: Finanzmärkte, Spekulation, Privatisierung, das waren meine journalistischen Leibthemen zu dieser Zeit. Also habe ich mich reingekniet und recherchiert, recherchiert, recherchiert und meine Abgeordneten und die Presse praktisch täglich mit neuen Informationen versorgt. Eine spannende Zeit, definitiv.
Die SPÖ versuchte die Bank um jeden Preis aus dem Wahlkampf herauszubekommen, also zu verkaufen. Eine der Interessentinnen war die Hypo Alpe Adria, deren Experten sogar in das Allerheiligste, den Datenraum der Bank Burgenland durften. Und sie ließen danach die Finger vom Kauf. Das muss man sich mal vorstellen: die Bank Burgenland war zu diesem Zeitpunkt so kaputt, dass sie nichtmal Haiders Spekulanten haben wollten.
Und dann: Auftritt Mirko Kovats.
Wenige Monate vor der Wahl witterte er eine super Gelegenheit, sich eine Privatbank zuzulegen und er hatte nicht ganz Unrecht. Er kam also nach Eisenstadt und machte mediengerecht ein Angebot, inklusive Fototermin mit Landeshauptmann Niessl. Nun kam aber Parteitaktik ins Spiel. Weil die SPÖ privatisieren wollte, war die ÖVP justament dagegen. Welch ideologische Ironie! Die VP wollte die kaputte rote Landesbank um jeden Preis mitten im Wahlkampf haben und es war allen Beobachtern klar, dass sie jedes Kaufangebot, wie gut es auch immer sein möge, ablehnen würde.
Der Verkauf erforderte einen Landtagsbeschluss, die SPÖ brauchte mindestens zwei Stimmen einer anderen Fraktion. Da die ÖVP ausschied, blieben die Freiheitlichen und wir. Wir warteten also auf eine Einladung zu Gesprächen. Und warteten. Und warteten. Nichts kam. Die Freiheitlichen stellten jede Kritik an der Privatisierung ein. Womit die Sache klar schien.
Aber dann nahm jemand aus der Bank Burgenland mit uns Kontakt auf. Jemand, dem unsere harte Kritik an den Spekulationsgeschäften gefallen hatte. Und diese Person berichtete Details von den Verkaufsverhandlungen, Details, die mir die imaginären Haare zu Berge stehen ließen. Der Knackpunkt des Deals war folgender: Kovats sollte 49,9 Prozent der Bank kaufen, aber zu 100 Prozent das Sagen haben. Warum nur 49,9 Prozent? Weil die öffentliche Hand für eine Bank, die mehrheitlich in öffentlichen Eigentum ist, voll haftet. Diese Haftung der SteuerzahlerInnen ermöglicht es einer öffentlichen Bank auch, zu besonders günstigen Bedingungen Geld auf den internationalen Märkten aufzunehmen. Das ist der große Vorteil gegenüber einer mehrheitlich privaten Bank.
Das Burgenland hätte also null Mitsprache gehabt, wenn Kovats riskante Geschäfte eingegangen wäre, hätte im Konkursfall aber zu zu 100 Prozent gehaftet. Klar, dass wir da nicht mitgehen konnten, schon gar nicht bei Kovats’ Geschichte als risikofreudiger Investor.
Dann, ein paar Wochen vor der entscheidenden Landtagssitzung, kam die Einladung zum Gespräch doch noch. Acht Augen. Niessl, Kovats, die Grüne Klubobfrau Grete Krojer und ich als ihr Berater. Niessl lümmelte absolut desinteressiert in seinem Stuhl. Kovats war sehr freundlich und korrekt. Wir stellten ein paar Fragen, er gab knappe Antworten. Wir sagten, eine Zustimmung zum Verkauf durch die Grünen sei möglich. Kovats wirkte nicht rasend interessiert, so, als ob es unserer Zustimmung eh nicht bedürfe. Aber wir redeten weiter. Wir hatten nur eine Kernbedingung: Kovats sollte exakt 50 Prozent kaufen. Die öffentliche Hand sollte nicht mehr Mehrheitseigentümer sein und nicht mehr voll haften. Kovats wich aus, plauderte über diesen und jenen Vorteil des Deals. Er blieb freundlich, es ging einige Zeit hin und her. Irgendwann sagte ich: “Das mag alles stimmen, aber es gibt einen Punkt, der für uns unbedingt erfüllt sein muss: Das Burgenland kann nicht haften, während Sie das Sagen haben. Das ist absolut unmöglich.”
Da sah mich Kovats sehr direkt an und sagte: “Mich interessiert die Bank nur unter diesen Umständen. Wenn ich 50 Prozent kaufen muss, kaufe ich eben nicht.” Es war so ein Macho-Moment. Auge in Auge. Du kleiner grüner Frosch stellst dich mir nicht in den Weg. Ich sagte irgendwas uncooles wie: “Ich verstehe das aus Ihrer Sicht, Sie haben ja auch den Vorteil bei dieser Lösung. Aber Sie müssen doch verstehen, dass wir da nie zustimmen können.” Kovats zuckte mit den Schultern. Dann schaute ich zum Landeshauptmann, der immer noch desinteressiert wirkte und fragte ihn, wie er dieses Risiko eingehen könnte. Und Niessl sagte etwas, über das ich heute noch staune: “Der Herr Kovats wird doch die Bank besser führen, als wir das könnten.”
Damit war dieses Gespräch beendet. Doch die Arbeit ging erst los: Wir mobilisierten medial auf Teufel komm raus gegen diesen einen Vertragspunkt (nicht grundsätzlich gegen den Verkauf) – und wir wurden von JournalistInnen und MitarbeiterInnen der Bank praktisch jeden Tag mit neuen Informationen gefüttert. Wir zielten mit unserer Kampagne nicht auf die SPÖ, sondern auf die Freiheitlichen. “Wer hier zustimmt, liefert das Burgenland aus”, trommelten wir. Auch hinter den Kulissen führten wir Gespräche mit den Blauen und zeigten ihnen alle Unterlagen, die uns zugespielt wurden. Die politische Drohung war deutlich: Wenn ihr dieser Landeshaftung zustimmt, hauen wir euch das den ganzen Wahlkampf um die Ohren. Egal was euch Kovats und die SPÖ geboten haben, bei der Wahl zahlt ihr dann drauf. Es war 2005, die FPÖ war geschwächt von der BZÖ-Parteispaltung, die Wahlniederlage war unausweichlich. Dass sie ganz aus dem Landtag fiel, schien nicht völlig unmöglich.
Es wirkte. Ich weiß nicht, was letztlich den Ausschlag gab, aber wenige Tage vor der entscheidenden Landtagsitzung bekam die FPÖ kalte Füße. Kovats und Niessl hatten keine Mehrheit. Der Verkauf war wegen 0,1 Prozent der Anteile geplatzt.
Am diesem Abend saß Kovats im ZiB2-Studio und wurde interviewt. Er schimpfte wortreich auf die Politik, stellte sich als international erfolgreichen Unternehmer dar und beendete das Interview mit dem Satz “Und im Burgenland quaken weiter die grünen Frösche.” Ich bin daheim vor dem Fernseher gesessen und habe geschmunzelt. Ja, ich war schon auch ein wenig stolz auf mich, den Frosch der dem Industriellen eine Bank ausgespannt hat. Macht man auch nicht alle Tage. (Dass die burgenländischen Grünen mich fünf Jahre später fragten, ob ich als Kandidat in die nächste Wahl ziehen wolle, lag wohl vor allem an dem Ruf, den ich mir damals erarbeitet habe.)
Tja. Und heute hat Kovats’ Konzern also Insolvenz angemeldet. Er braucht in den nächsten beiden Jahren mindestens 100 Millionen Euro Zuschuss, ingesamt bis zu 400 Millionen. Es wackeln 11.000 Arbeitsplätze auf der ganzen Welt: Ich wünsche Kovats nicht den Konkurs, sondern dass er einen Geldgeber findet. Aber ich bin unendlich froh, dass das nicht die Bank Burgenland sein wird (Die übrigens heute unter dem Dach der Grazer Wechselseitigen ein ruhiges und solides Leben führt).