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    Postjournalismus – Das Buchkonzept

    November 27th, 2011
    Langsam geht es voran, das Projekt Postjournalismus. Ich habe nun die vielen, vielen Gedankenstränge und Recherche-Stückchen in ein Buchkonzept gegossen, das ich hier zur Diskussion stellen will. Eine Anmerkung gleich: Besser lesbar und vor allem kommentierbar ist das Konzept wohl in diesem Google-Doc. Reghafte Beteiligung und Kritik sind natürlich erwünscht.

    Massenmedien gelten als die vierte Macht im Staate, Journalisten als notwendiges Korrektiv des politischen Systems. Doch die radikale Kommerzialisierung und Markt­orientierung der Medienunternehmen in den letzten drei Jahrzehnten hat die Branche grundlegend verändert: Primäres Ziel von Medien ist nicht (mehr?) die Aufklärung der Bevölkerung, sondern das Erwirtschaften von Profit. Das verändert die Berichterstattung massiv: Die moderne Medienökonomie beruht primär auf Werbung als Einnahmequelle. Das Publikum ist damit nicht mehr die Kundschaft, sondern das Produkt, das verkauft wird. Die Folge davon ist Postjournalismus: Eine Berichterstattung, die zwar noch alle äußerlichen Merkmale von Journalismus aufweist, aber eine andere Funktion hat, nämlich bestimmte Zielgruppen zu erreichen und dann zur Werbung zu lenken.
    Der Titel „Postjournalismus“ wird von Colin Crouchs Werk „Postdemokratie“ abgeleitet und soll die Kritik nicht nur auf die Tätigkeit der Manager und Konzerne, sondern auch auf die der einzelnen JournalistInnen lenken. Mehrere Vorgespräche und Reaktionen auf einen Blogeintrag zeigen: Sehr viele JournalistInnen finden sich und ihre tägliche Arbeit in dieser Problembeschreibung wieder. Sie sind ja nicht nur Täter, sonder auch Opfer: Niemand ist gern Postjournalist, niemand lässt sich gern von Konzernen, PR-Abteilungen und dem eigenen Management unter Druck setzen. Aber es geschieht und wer nicht mitmacht, verliert oft den Job.
    Das Buch soll also nicht nur Medien- und Journalistenschelte sein, sondern die Ausbeutung der JournalistInnen zum Thema machen.

    Vorwort

    Die Postdemokratie, die Medienbranche und der Journalismus als Opfer und Täter

    1.     Warnhinweis: Postjournalismus kann Ihre Gesundheit gefährden
    Gesundheit und Wohlbefinden ist ein Thema, dem in den letzten 20 Jahren praktisch alle Medien zunehmend Raum widmen: Wöchentliche Beilagen in Boulevard-Zeitungen, Sonderteile in Magazinen, Service-Sendungen im TV. All diese Formate haben nur eine Aufgabe: Das redaktionelle Umfeld für die stetig steigenden Werbebudgets der Pharmazie-Konzerne zu schaffen. Praktischerweise kümmern sich diese Konzerne auch um die Versorgung der „GesundheitsjournalistInnen“ mit Pressematerial, um diese Inhalte auch gefällig produzieren zu können.

    Da Gesundheit und Leben unsere höchsten Güter sind, ist der Verkauf der eigenen Leserschaft an die Anzeigenkunden in diesem Bereich am dramatischten. Deshalb eignet sich dieses Thema als Einstiegskapitel.

    2.     Die postjournalistische Medienwelt

    In der modernen Medienwelt ist der Leser/Hörer/Zuseher nicht der Kunde, sondern das Produkt, das an die Werbeindustrie verkauft wird. Dieses Kapitel ist daher eine einfache Einführung in Medienökonomie: Wie funktioniert eine Zeitung, ein Radiosender oder Fernsehen wirtschaftlich? Warum rentiert sich journalistische Qualität betriebswirtschaftlich immer weniger?

    Hier wird auch auf die radikale Neuerung von Social Media wie Facebook eingegangen, das gar keinen Inhalt mehr selbst produziert – und nur noch die Werbung verkauft.

    Frage: Braucht dieses Kapitel auch einen historischen Abschitt über die Entstehung und Geschichte des Journalismus? Sozusagen vom Präjournalismus zum Postjournalismus?

    3.     Zwischen Praktika und Prekariat

    Die Folge davon, dass guter Journalismus sich betriebswirtschaftlich kaum noch rechnet, erleben JournalistInnen längst am eigenen Leib: Feste Anstellungen werden immer seltener, viele pendeln jahrelang von Praktikum zu Praktikum oder haben mehrere prekäre Arbeitsverhältnisse parallel. Die Selbstausbeutung von JournalistInnen in Qualitätsmedien wie der deutschen taz ist legendär. Die Zukunftsaussichten sind düster, daher flüchten immer mehr gute Journalisten irgendwann in die PR, um eine Familie ernähren zu können.

    4.     Finanzmedien und Börsenwahn

    Ähnlich wie im Gesundheitsbereich lässt sich für die letzten Jahrzehnte zeigen, wie Postjournalismus die Wirtschaftsberichterstattung verändert hat: Die Medien verdienen an den Inseraten der Finanzdienstleister, Rentenversicherungen, Investmentbanken. Wirtschaftsjournalismus wird so zum Finanzmarktjournalismus und der Leser wird zum Kleinanleger, der Kunde werden soll. Kaum eine Nachrichtensendung kommt noch ohne die täglichen Änderungen der internationalen Aktienindizes aus – nicht, weil sie für unser tägliches Leben wichtig wären, sondern weil die Werbewirtschaft dieses Umfeld für ihre Kunden aus der Finanzbranche fordert.

    Der Einfluss auf Politik und Demokratie ist verheerend und wird in diesem Kapitel nachgezeichnet.

    5.     Propaganda, Populismus, politische PR

    Die immer schwächer besetzen und ausgebildeten Redaktionen sind auch im Interesse der Politik: Es wird immer leichter, die eigenen Meldungen unhinterfragt in Medien zu platzieren. Das Anfüttern von Medien mit öffentlichen Inseraten, wie es derzeit in Österreich massiv in der Kritik steht, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Dieses Kapitel soll auch die Professionalisierung politischer PR in den letzten 100 Jahren beleuchten.

    6.     Die Oligarchen

    Dieses Kapitel zeigt die Konzentration der internationalen Medienkonzerne und, an Beispielen, daraus resultierende Probleme bei der Berichterstattung über die Medienbranche selbst.

    7.     Medienmassen

    Welche Möglichkeiten der Gegenwehr haben Journalisten im derzeitigen System? Können Social Media, Blogger und nicht-kommerzielle Medien für jene Aufklärung sorgen, die postjournalistische Medien nicht mehr bieten? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen wären dabei hilfreich?

    8.     Eine politische Theorie der Informationsgesellschaft

    Politik ist die Koordination von Menschen und die Verfügbarkeit, Aufbereitung und Steuerung von Information ist ein zentraler Aspekt dabei. Demokratie kann nur in einem gemeinsamen Kommunikationsraum bestehen – weshalb sie z.B. in der Antike auf Städte beschränkt war und erst in der frühen Neuzeit über Delegationsmechanismen auf Nationalstaaten ausgedehnt werden konnte. Die ersten sechs Kapitel haben gezeigt: Jede Veränderung unseres Mediensystems ist auch eine Veränderung unseres realen politischen Systems. In diesem Kapitel wird diese Erkenntnis in einen systematischen theoretischen Zusammenhang gebracht.

     

     

     


    Falters feines Paradoxon: „Zensur“ durch Journalismus

    December 11th, 2010

    Dieser Blogeintrag erschien am 20. August 2009 auf meinem ersten Blog betathoughts, also lange bevor WikiLeaks Thema wurde. Gerade das macht den Text mMn nun besonders interessant, weil es in der aktuellen Diskussion nicht um eine bestimme Plattform oder gar die Person Julian Assange, sondern um Prinzipien gehen sollte.

    Im immer heftiger werdenden politischen Streit um die Kontrolle des Internets stellen sich nun einige wenige Journalisten auf die Seite jener, die für Restriktionen und sogar Repression eintreten. Diese Angstbeisserei ist eine unmittelbare Folge des erodierenden Geschäftsmodells, die scharfe Rhetorik erinnert daher nicht zufällig an jene der Musikindustrie.

    Während dessen erklärt Miriam Meckel in der FAZ, warum die Gesellschaft den Qualitätsjournalismus braucht und schützen muss: Weil sonst nichts Neues in die Welt kommt. Ja, ausgerechnet jene Miriam Meckel, die sich für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft engagiert. Wenn aus dem Umfeld der INSM etwas ventiliert wird, ist es immer klug, genau das Gegenteil anzunehmen.

    Das würde in etwa heissen: Im Internet wird Journalismus zum Flaschenhals im Informationsfluss. Klingt komisch, ist aber so. Wirklich. Es wäre wohl leicht, diese These mit einem Beispiel schlechten Journalismus’ zu belegen. Aber was, wenn wir ein untadeliges und aktuelles Beispiel von echtem Qualitätsjournalismus dieser Prüfung unterziehen?

    Zwei Papiersäcke voll Information
    In Österreich werden derzeit schrittweise Informationen bekannt, die vielleicht einen der größten Skandale der 2. Republik darstellen. Die Wiener Stadtzeitung Falter veröffentlicht jede Woche brisante Dokumente:

    Zwei Papiersäcke hat ein Informant dem Falter überreicht. Darin stecken Dokumente aus dem Justizministerium, aus Staatsanwaltschaften und von der Polizei. Es sind hunderte Seiten. [...] In den Akten finden sich Namen prominenter Politiker, Polizisten und hoher Beamter. Die Akten zählen zu den vertraulichsten Dokumenten der Republik. Sie stammen vor allem aus der Sektion vier, der verschwiegenen Weisungsabteilung des Justizministeriums. Sie entscheidet, ob gegen Mächtige Anklage erhoben wird.

    Unschwer zu erraten: Hier dampft ein Korruptionssumpf. Aber darum gehts hier nicht. Florian Klenk, dem diese Unterlagen zugespielt wurden, ist wohl einer der besten investigativen Journalisten des deutschsprachigen Raumes. Regelmäßig bringt er Skandale ans Tageslicht, die ihm von einem weit verzweigten Netz von InformantInnen in Österreichs Politik und Beamtenapparat zugetragen werden: Vierte Macht, so wie sie sein soll. Und ganz zufällig wurde sein Blog für die MitarbeiterInnen des Justizministeriums erst vor wenigen Tagen kurzfristig gesperrt.

    Wäre also die Arbeit von Florian Klenk und dem Falter durch Blogs, Facebook, Twitter & Co zu ersetzen? Meine persönliche Antwort als langjähriger Falter-Leser lautet: Ja. Und mehr noch: Die Alternative wäre mir sogar lieber. Sorry.

    Das Medium als Multiplikator
    Investigativer Journalismus funktioniert im Normalfall genau so, wie obiger Fall: Es gibt einen Insider, der Informationen hat und will, dass diese an die Öffentlichkeit gelangen. Also sucht diese Person ein Massenmedium, dass seine Informationen publiziert. Bisher kamen dafür in Frage: Zeitungen, Magazine, Fernsehen und Radio. Der Insider wird dabei zur Quelle eines Journalisten. Oder wie es im Falter steht:

    Er habe lange nachgedacht, ob er die Papiere herausgeben soll, so der Informant, „Aber mein Gewissen verpflichtet mich dazu. Machen Sie das öffentlich.“

    Darin ähnelt der Fall den meisten anderen investigativen Recherchen und auch dem Referenzfall dieser Gattung: Watergate. Mark „Deep Throat“ Felt hatte die Informationen, Carl Bernstein und Bob Woodward hatten die Leserschaft. Der eine brauchte die anderen als  Multiplikatoren. In Zeiten von knappen Medien war das eine Notwendigkeit, um das Neue in die Welt zu bringen.

    blogs are the former sources
    Auftritt: Das Internet. Während ich diese Zeilen schreibe, geht auf der anderen Seite des Atlantiks, in Aspen, Colorado, eine interessante Konzerenz zu Ende. Auf der #focas09 haben  VordenkerInnen aus traditionellen und neuen Medien über die Zukunft des Journalismus diskutiert. Auch der Fragenkomplex, der uns hier beschäftigt, war dort Thema. Die Gespräche wurden als Videostream live im Web übertragen und via Twitter konnte man sich aus der ganzen Welt beteiligen.

    Dave Winer schrieb so von außen eine öffentliche Nachricht an Konferenzteilnehmer Jeff Jarvis (der übrigens indirekt für beta thoughts mitverantwortlich ist):

    They are not taking into account this: Blogs are the former sources.

    Winer bringt es auf den Punkt: Quellen brauchen in Zukunft keine JournalistInnen mehr. Sie können alle Informationen selbst veröffentlichen. Ob sie nun bloggen oder eine passendere Form des online-publizierens wählen, ist dabei egal. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das potentielle Publikum ist -zigfach größer, das Internet kann nicht beschlagnahmt werden und selbstverständlich kann man auch anonym veröffentlichen. Mindestens so anonym, wie wenn man sich einem Journalisten anvertrauen muss. Was derzeit fehlt, ist nur noch „Medienkompetenz“ auf Seiten der InformantInnen. Aber das ist eine Frage der Zeit. Wenn die Quellen einmal digital natives sind, hat sich das erledigt.

    Flaschenhals Redaktion
    Betrachten wir die Situation einmal andersrum: Seit drei Wochen ist der Falter im Besitz von demokratiepolitisch hochbrisanten Akten – und hält sie unter Verschluss. Jeden Mittwoch wird nur ein Fall öffentlich gemacht, und zwar – ich sage das bewusst etwas provokant – nach Gutdünken der Redaktion. Sicher wird dabei nach bestem Wissen und Gewissen vorgegangen, aber das macht die Sache nur qualitativ besser, nicht prinzipiell.

    Natürlich liegt die Vorgangsweise daran, dass der Falter eine Wochenzeitung ist und nicht unendlich viel Platz zur Verfügung hat. Auch ist es ökonomisch verständlich, dass man mit so viel Material die Auflage gerne für ein paar Wochen steigert als nur einmal. Journalismus ist schon immer so vorgegangen, das liegt in der Logik seines Geschäftsmodells. Es ist die Logik knapper Medien, geboren aus einer Notwendigkeit. Im Internet liegt die Sache anders.

    Und obwohl Klenk seine Artikel auch bloggt, hält er den Großteil der Unterlagen weiter zurück. Dazu kommt: Wir bekommen Zugang zu redigierter, journalistisch aufbereiteter Information. Das ist seriös gemacht. Aber lieber, siehe oben, wäre mir die Alternative: Zugang zu den Originalakten.

    Ist es nicht ein Paradoxon, dass ein investigativer Journalist relevante Informationen künstlich verknappt?

    Wir bemerken diese Verknappung fast gar nicht, weil sie im Print-Zeitalter immer da war. Aber ist sie nicht im Grunde unerträglich? Um hier noch einmal deutlich zu sein: Klenk leistet Hervorragendes und hat in den letzten Jahren vermutlich mehr kritische Öffentlichkeit in Österreich hergestellt, als alle Blogger zusammen. Aber die letzten Jahre sind halt nicht die Zukunft. Deshalb stellt sich die Frage: Müssten politisch interessierte Bürger ihn und seine Herausgeber nicht auffordern, ihnen freien Zugang zu diesen Informationen zu geben – vollständig, unbearbeitet und sofort? Angenommen, diese Papiersäcke mit Unterlagen würden auf dem Schreibtisch der Justizministerin liegen und wir alle wüßten das. Würden Klenk und sein Chefredakteur Armin Thunher nicht ihre Veröffentlichung fordern? Würden wir, die LeserInnen, die kritische Öffentlichkeit, sie dabei nicht unterstützen?

    Florian Klenk nannte die Sperre seines Blogs „Zensur“ und sprach von „chinesischer Manier“. Starke Worte für die Informationsfreiheit. Er würde sicher verstehen, wenn man seine Informationsverknappung auch „Zensur“ nennt.

    Den starken Worten könnte er nun starke Taten folgen lassen. Denn wie hat der anonyme Informant gesagt:

    „Machen Sie das öffentlich.“

    Der Konjunktiv
    Ich formuliere diese Forderungen im Konjunktiv, denn das Ganze ist ein Dilemma. Kann man von einem Journalisten (und gleich dem ganzen Medium) verlangen, seine ökonomische Existenzgrundlage aufzugeben? Nicht weniger bedeutet diese Forderung nämlich. Soll er sich für höhere Ideale opfern? Wohl nicht, und das wird auch nicht notwendig sein: Die InformantInnen werden das selbständige Publizieren schneller lernen, als viele glauben.Und unter anderem so kommt dann in Zukunft das Neue in die Welt.

    Dafür brauchen diese Quellen nur eines: Ein Internet, das nicht vollkommen überwacht ist. Und man komme mir jetzt nicht mit „rechtsfreier Raum“. Das wäre was ganz anderes. Dass es tatsächlich einige politische Journalisten gibt, die medialen Widerstand gegen diese atemberaubenden Möglichkeiten leisten und sich auf die Seite der ZensorInnen stellen, um ihr Geschäftsmodell zu schützen, finde ich unerträglich.


    Danke für eure Aufmerksamkeit #cablegate #wikileaks #wettendass

    December 5th, 2010

    Wer meinem twitter-Account folgt oder mein Facebook-Freund ist, hat mitbekommen, dass mich die aktuellen WikiLeaks-Veröffentlichungen brennend interessieren – weniger der Inhalt der Depeschen als die Art und Weise ihrer Veröffentlichung, der Kampf der US-Regierung dagegen und der Widerstand einer immer breiter werdenden Netzcommunity. Mich fasziniert vor allem, wie Julian Assange mich manipuliert und meine Aufmerksamkeit anregt und steuert. Das ist ganz große Kunst – die Kunst der politischen Pressearbeit.

    Zunächst: Die Vorwürfe, WikiLeaks würde Unmengen an Information unkontrolliert ins Netz stellen sind falsch. Völlig falsch. WikiLeaks gibt Information in sehr kontrollierten, gesteuerten Dosen ab. Der Start erfolgte in enger Abstimmung mit den Erscheinungsterminen mehrerer internationaler Print-Medien, darunter “Der Spiegel”. Ein Mitarbeiter von Radio Basel konnte in der Schweiz ein Exemplar des Heftes am Bahnhofskiosk unmittelbar nach der Auslieferung kaufen, also noch vor dem offiziellen Verkaufsstart. Als der Radiosender die darin enthaltenen Informationen sendete, reagierte WikiLeaks schnell: Den Schweizern wurden exklusiv Dokumente zur Verfügung gestellt, die die Schweiz betrafen – im Gegenzug mussten sie die Sperrfrist bis zum Verkaufsstart der Printmedien akzeptieren. “Exklusiv” heißt, dass man jemanden ausschließt. Im klassischen Medienbetrieb hieß exklusiv: Nur wir haben die Infos, die Konkurrenz ist ausgeschlossen. Im Fall von digitalen Dokumenten einer Internet-Plattform heißt das: Nur wir haben die Infos, die UserInnen, LeserInnen, SeherInnen, HörerInnen sind so lange ausgeschlossen, wie wir das wollen. Wenn WikiLeaks den Anspruch hat, Herrschaftswissen aufzubrechen und top-down-Kommunikationsstrukturen niederzureißen, dann tun sie das keineswegs in Reinform. Halten wir das mal ohne Bewertung fest.

    Was wäre die Reinform? Alle Dokumente allen gleichzeitig zur Verfügung zu stellen, ohne Kontrolle oder Bearbeitung. Wäre das besser? Mein Bauch sagt ja, aber ich habe auch Zweifel. Auch Daniel Domscheit-Berg, der ehemalige deutsche Pressesprecher von WikiLeaks, der nach Streit mit Assange in Kürze mit einem neuen Projekt starten will, wägt ab:

    Eine Plattform für Whistleblower ist eine neutrale Instanz und muss sich selbst als reine Dienstleistung begreifen. Dies betrifft vor allem die verlässliche Entgegennahme, Verarbeitung und Auswertung von Dokumenten. Diese Funktion darf sie nicht aus dem Auge verlieren und sie muss sicherstellen, dass sie selbst bei großem Zuspruch die Einsendungen diskriminierungsfrei abarbeitet. Auch funktionale Schnittstellen mit den klassischen Medien werden benötigt. Eine Whistleblowing-Plattform ist Zuarbeiter für Medien. Deren Aufgabe ist die Analyse, Aufbereitung, Kontextualisierung und Präsentation der Informationen gegenüber der Gesellschaft. Die Verknüpfung von Whistleblower-Plattform und Medien bewirkt auch die gegenseitige Kontrolle und Stützung beider Seiten. Die Qualität der Berichterstattung wird überprüfbarer, die Mechanismen der Whistleblowing-Plattform unterliegen einer Revision durch unabhängige Journalisten … (in “Der gute Verrat“)

    Mir fehlt hier noch etwas: Die Steuerung von Aufmerksamkeit. TeraByte-Festplatten und Breitband-Internet machen uns de facto unendliche Information zugänglich. Technisch betrachtet, vom Datenvolumen her, sind 250.000 Depeschen ein Klacks. Aber ich kann sie nicht verarbeiten. Ich könnte auch 25.000 nicht verarbeiten. Oder auch nur 2.500 Depeschen. Meine menschliche Verarbeitungskapazität ist nach wie vor beschränkt. Das ist ein Engpass, der bleiben wird.

    Klar, ich kann mit einer Suchmaschine nach Schlagworten wie “Austria” stöbern, aber das reduziert die Komplexität nicht genug. Die Wahrheit ist doch: Wenn jemand diese 250.000 Dokumente einfach frei zugänglich auf einen Server lädt und dann nichts unternimmt, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf zu lenken, dann erfahre ich nicht mal, dass die Depeschen veröffentlicht sind. Geschweige denn, dass ich die interessantesten Details ausfindig machen würde. Man kann Julian Assange Selbstinszenierung vorwerfen und ihn deshalb unsympathisch finden, aber er weiß, was er tut. Das Resultat davon sah gestern in meiner wichtigsten Nachrichtenquelle so aus:

    Da draußen in den unendlichen Weiten des Netzes sind sicher noch sehr viele andere spannende Informationen frei zugänglich und zwar genau jetzt. Aber ich weiß es nicht. Ihr wisst es nicht. Und damit haben diese Informationen genau Null politischen Wert. Vor allem: Es wäre egal, wenn ich etwas Wichtiges finde, mit diesem Fund aber allein bliebe. Dann wüsst ich’s halt. So what? In der Politik entsteht Druck durch Massen und durch ihre fokussierte Aufmerksamkeit.

    Ich erlebe das auf der ganz kleinen Ebene gerade bei meiner politischen Arbeit als Mandatar einer Oppositionspartei. Bei der Landtagswahl im Burgenland gab es Wahlbetrug, vermutlich flächendeckend. In einem Fall ist der Täter bereits geständig. Diese Information ist verfügbar, sie wurde verbreitet, jeder weiß es. Auswirkung: Null. Es wurde eine Woche aufgeregt berichtet, nun liegt keine Aufmerksamkeit mehr darauf. Neuwahlen sind kein Thema. Noch ein Beispiel: Wir haben ein Regierungsmitglied, das wegen Amtsmissbrauchs verurteilt wurde. Wieder war die kurzfristige Aufregung groß, aber der Landesrat ließ sich bei der nächsten Landtagssitzung einfach krankheitsbedingt entschuldigen – und aus. Rücktritt? Geh wo. Die Sache ist ausgesessen. Es reicht eben nicht, dass alle davon wissen. Information an sich ist nicht genug. Veränderung gegen den Willen der Herrschenden gibt es nur, wenn die Aufmerksamkeit der Massen politischen Druck erzeugt.

    Wer Aufmerksamkeit steuert und fokussiert, hat Macht, und zwar die vierte Macht im Staat. Macht ist aber niemals neutral. Macht hat immer eine Agenda. Das behaupte ich so dogmatisch, bis mir jemand ein einziges Gegenbeispiel nennt.

    Beißt sich hier der Hund in den Schwanz? Ersetzen die neuen Medien nur alte Machtstrukturen? Ist Assange, dem ja autoritäres Führungsverhalten vorgeworfen wird, nur ein Spiegelbild dessen, was er bekämpft? Möglich.

    Gestern Abend habe ich etwas Interessantes beobachtet. Es ging nicht um ein politisches, nicht um ein “seriöses” Thema, sondern um üble Sensationslust. Bei der Fernseh-Show “Wetten Dass” ist ein Kandidat vor laufenden Kameras schwer verunglückt. Ich war bei einer Veranstaltung, wo zwar kein TV-Gerät war, aber viele Menschen Smartphones hatten. Meine Twitter-Timeline war voll mit #wettendass-Tweets, meine Aufmerksamkeit wurde sofort darauf gelenkt. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die erste Person das YouTube-Video des Unfalls auf ihrem iPhone abspielte und das Telefon rumreichte. Ich habe lange genug in Zeitungsredaktionen gearbeitet, um zu wissen, dass diese “Chronik”-Geschichten rund um Unfälle, Unglück und Verbrechen mehr Aufmerksamkeit bekommen als politische Storys. Darüber will ich mich nicht mehr echauffieren, ich blende diesen Aspekt hier bewusst aus, das ist halt so.

    Interessant ist etwas anderes: Es war kein einziger Journalist in diesen Informationsfluss eingebunden. Niemand hat die Aufmerksamkeit der Personen in meiner Umgebung zentral gesteuert. Irgendjemand hat das Video auf YouTube gestellt, eine Fülle von Menschen hat auf Twitter und Facebook die Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Die beteiligten technischen Plattformen sind – zumindest in diesem Fall – content-neutral und ohne redaktioneller Betreuung. Es war kein demokratischer Vorgang, weil keine Mehrheitsbildung stattfand, aber es war ein kollektiver Prozess. Ein dezentraler und fast würde ich sagen: herrschaftsfreier Prozess. In Social-Media-Denglisch war es allerdings ein “viraler Erfolg” und damit sind wir schnell bei viralem Marketing und damit wieder bei Steuerung und Manipulation von Aufmerksamkeit… Das Problem bleibt ein Problem, weil wir hier im Zentrum der Machtfrage in der Informationsgesellschaft sind.

    Das Ganze wäre für mich eine unwichtige Episode gewesen, wenn ich nicht gleichzeitig so viel über WikiLeaks nachdenken würde. Und da hat es plötzlich fast hörbar *klack* in meinem Kopf gemacht: Wir brauchen nicht nur eine Methode, wie wir Informationen geschützt veröffentlichen können. Das ist genau genommen der leichte Teil. Der schwierige Teil ist: Wie machen wir aus der Steuerung der Aufmerksamkeit einen Bottom-Up-Prozess? Darauf habe ich überhaupt keine Antwort, aber Vorschläge würden mich brennend interessieren.

    Danke für eure Aufmerksamkeit. Ich weiß sie wirklich zu schätzen.


    Das öffentliche Leck

    November 29th, 2010

    Ich werde die amerikanische Regierung nicht überraschen, wenn ich sage: Es gibt Spionage. Tatsache. Es gibt Menschen, die stehlen Dokumente und verkaufen diese an Feinde. Ich bin sicher, die amerikanischen DiplomatInnen bedenken das und schreiben jede ihrer Depeschen so, als ob ein Spion sie abfangen und dem schlimmsten Feind verraten würde. Oder einem Freund. Alles andere wäre ziemlich unprofessionell, nicht wahr?

    Im Ernst: Glaubt tatsächlich jemand, dass die deutsche Regierung das allererste Mal herausgefunden hat, was amerikanische DiplomatInnen über deutsche PolitikerInnen schreiben? Dann wären die deutschen Nachrichtendienste aber ziemlich schlecht. Jetzt ist das Leck eben öffentlich. So what? Diplomatie und Politik werden weitergehen wie nach jedem Spionagefall.

    Neu an WikiLeaks ist nur, dass die gestohlenen Dokumente nicht im Kreml oder im Bundeskanzleramt landen, sondern auch von Menschen gelesen werden können, die im Vergleich dazu eher ungefährlich sind, weil sie ZivilistInnen sind. Also von uns allen. Und vor allem von US-BürgerInnen. Die können nun ihre Regierung auch für ihre Diplomatie zur Verantwortung ziehen. Ich vermute, das regt die amerikanische Regierung am meisten auf.

    Aber ich finde das spannend. Bitte mehr davon.


    Postjournalismus live: Deutschlands vierte Macht ist mausetot

    October 25th, 2009

    Es kommt nicht oft vor, dass eine Pressekonferenz mehr über den Zustand der Medien enthüllt, als über den Zustand der Politik. Die Antritts-PK der schwarzgelben Koalition war ein solcher Moment… Als ich mein Projekt Postjournalismus gestartet habe, beschrieb ich das aktuelle Verhältnis von Medien und Demokratie so:

    Medien, die die journalistischen Aufgaben ausreichend erfüllen, müssten [...] eine kritische Öffentlichkeit herstellen, einen Diskurs, wie er für jede Demokratie lebensnotwendig ist. Sie müssten vierte Macht sein, ein Gegengewicht zu den ersten drei Mächten. Doch in der Postdemokratie sind sie einfach nur Teil des Systems und haben nicht mehr die Kraft, selbst die gravierendsten Fehlentwicklungen durch journalistische Arbeit zu verhindern.

    Eine postjournalistische Medienwelt ist nicht erst dann “erreicht”, wenn der letzte Journalist aufgehört hat, kritische Fragen zu stellen. Sie ist schon viel früher erreicht, nämlich dann, wenn selbst kritische Fragen keinerlei Wirkung mehr haben.

    Dass der Fragesteller Holländer ist und keinerlei Unterstützung deutscher JournalistInnen bekam, lässt nur noch einen Befund zu: Die vierte Macht in Deutschland ist mausetot. Alle Super-Top-QualitätsjournalistInnen, die den Kollegen hier allein gelassen haben, sollen sich was schämen. Nein, besser: Sie sollten den Job wechseln. Still und mit gesenktem Haupt.

    This is beta 0.2


    Journalismus, Popkultur, Qualitätskrise: Es sind die Erbsenzähler, nicht die Technik

    October 4th, 2009

    Journalisten-Legende Gay Talese erzählt in diesem Interview für big think, wie hochwertiger Magazin-Journalismus vor einigen Jahrzehnten funktioniert hat: Man hatte viel Zeit und ausreichende Budgets, um diese Zeit auch zu nutzen. Irgendwann begann sich die Situation zu ändern: Talese macht das am Kassettenrecorder fest, der es Journalisten gestattete, nach einer Stunde Interview mit genügend “O-Tönen” ausgestattet zu sein, um einen Artikel zu schreiben. Aber nur in einem Nebensatz erwähnt er, was ich für viel wichtiger halte: Die Herausgeber hatten ein großes Interesse daran, die Kosten für Journalismus zu senken und der Kassettenrecorder bot ihnen die Möglichkeit dazu.

    Talese hat über das Showbiz noch journalistisch berichtet: Für sein berühmtes Esquire-Portrait von Frank Sinatra blieb er mehrere Wochen in L.A. und recherchierte auf eigene Faust in Sinatras weiterem Umfeld. Heute ist so etwas schon fast undenkbar – die Spesen für Showbiz-Reportagen und -Interviews übernehmen schon lange jene Konzerne, über deren Produkte dann geschrieben wird. Den Managern der Plattenfirmen ist das lieber, weil sie das Marketing besser steuern können und den Managern der Magazine ist es lieber, weil die Kosten sich auf ein paar hundert Euro Texthonorar beschränken (Fotos werden gratis mitgeliefert). Oft genug gehören ohnehin beide demselben Mutterkonzern an.

    Was bleibt, ist Postjournalismus: Ein von PR-Interessen gesteuertes Geschreibsel, das keine kritische Öffentlichkeit herstellt. Der Kassettenrecorder war früher nicht schuld daran, genau so wenig wie das Internet heute. Es sind die Erbsenzähler, die den Journalismus töten.

    Aber dort, wo die Erbsenzähler nichts zu sagen haben, gibt es auch keine Qualitätskrise. Ganz im Gegenteil: Wenn ich in letzter Zeit etwas Interessantes über Popkultur gelesen habe, dann war das immer online und meistens nicht kommerziell. Die Texte sind anders: kurz, mit viel weniger Hintergrundinformation, radikal subjektiv und oft ohne einen einzigen O-Ton, weil es gar kein Interview gab.

    Die Reportagen von barocker Üppigkeit kommen vermutlich nicht zurück, aber die kritische öffentliche Diskussion schon. Die Möglichkeiten sind enorm: Man kann einfach einen Menschen, der etwas zu sagen hat, vor eine Videokamera setzen und das ganze auf YouTube stellen. Ganz ohne Interview, ohne Q&A und praktisch ohne Kosten. Nicht schlecht, oder?


    Falters feines Paradoxon: "Zensur" durch Journalismus

    August 20th, 2009

    Im immer heftiger werdenden politischen Streit um die Kontrolle des Internets stellen sich nun einige wenige Journalisten auf die Seite jener, die für Restriktionen und sogar Repression eintreten. Diese Angstbeisserei ist eine unmittelbare Folge des erodierenden Geschäftsmodells, die scharfe Rhetorik erinnert daher nicht zufällig an jene der Musikindustrie.

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    Projekt Postjournalismus

    August 10th, 2009

    Es ist für mich als Autor und Ex-Journalist ein mulmiges und ziemlich unbefriedigendes Gefühl, dem Journalismus beim Marsch in die Bedeutungslosigkeit zuzuschauen und das, was ich beobachte, nicht klar in Worte fassen zu können. Also werde ich das ändern. Ich starte hiermit das Recherche- und Forschungsprojekt “Postjournalismus” – grundsätzlich ganz alleine für mich, aber wenn es noch jemand anderen interessiert, wäre ich für Unterstützung (etwa Links zu Studien, Artikeln, Argumenten) dankbar. Es wird wohl ein Langzeitprojekt mit niedriger Intensität, also bitte nicht so schnell vergessen!

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    Kultur-Flatrate: Bitte keine Gerechtigkeit

    July 29th, 2009

    Kultur-Flatrate, das würde heißen: Internet-User zahlen einen Fixbetrag und dürfen dafür so viele urheberrechtlich geschützte Werke nutzen, wie sie wollen. Musik, Bücher, Film… all inclusive. Die UrheberInnen werden – ähnlich wie es bei der Leerkassettenabgabe schon geschieht – aus dem dadurch geschaffenen Pool bezahlt. Wäre das gerecht? Kaum. Es wäre besser: es wäre sinnvoll.

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    Zwei Blogs und ein Krone-Leserbrief

    June 24th, 2009

    fm4-Moderator Martin Blumenau hat vor einigen Tagen eine lesenswerte Prognose zu Österreichs näherer politischer Zukunft abgegeben, deren niederschmetternde Traurigkeit darin gründet, dass sie so realistisch ist: “Es ist vorbei. 2009 ist das Jahr, in dem Österreich kippt. Der Weg zur Security-Demokratie ist fix vorgezeichnet.” Read the rest of this entry »